Zwischen zwei Welten – meine persönliche Geschichte
Gastbeitrag von Hiba Aboukaf
Ich habe mein Land nicht verlassen, weil ich wollte. Ich habe es verlassen, weil ich musste. Nach meiner Teilnahme an Demonstrationen gegen das Regime war klar, dass meine Zukunft dort nicht mehr sicher war.
Als ich nach Deutschland kam, war alles neu: Eine neue Sprache, eine neue Kultur, neue Regeln. Nicht nur die Bürokratie war eine Herausforderung – auch das Gefühl, fremd zu sein. Ich habe die Sprache gelernt. Ich habe gearbeitet. Ich habe Verantwortung übernommen. Heute habe ich die deutsche Staatsbürgerschaft. Und trotzdem – und das ist vielleicht der ehrlichste Teil dieses Textes – fühle ich mich auch nach all den Jahren nicht vollständig zugehörig. Integration auf dem Papier, ist das eine, innerlich anzukommen, ist etwas anderes.
Es gibt viele Menschen mit ähnlichen Geschichten – Menschen, die sich bemüht haben, die Sprache gelernt haben, arbeiten oder arbeiten wollen, die sich an Regeln halten – die aber dennoch oft das Gefühl haben, sich ständig beweisen zu müssen – als stünde ihre Zugehörigkeit unter Vorbehalt.
Was mich an Deutschland beeindruckt, ist die Ordnung und Sauberkeit im öffentlichen Raum. Sie stehen für Struktur und Verantwortungsbewusstsein. Was mich jedoch belastet, ist die pauschale Vorstellung, Migranten seien grundsätzlich kriminell oder integrationsunwillig. Ja, es gibt Integrationsdefizite. Ja, es gibt Fehlentwicklungen. Darüber muss gesprochen werden – offen und sachlich.
Aber genau hier beginnt die politische Dimension von Integration. Wenn Migration in öffentlichen Debatten fast ausschließlich mit Kriminalität, Belastung oder Kontrollverlust verbunden wird, entsteht ein Klima des Misstrauens – nicht nur gegenüber denen, die tatsächlich Probleme verursachen, sondern gegenüber allen. Pauschalisierungen sind politisch bequem. Sie vereinfachen komplexe Realitäten, aber sie lösen keine Probleme. Wer Integration fordert, muss auch strukturelle Hürden benennen: Ungleiche Chancen auf dem Arbeitsmarkt, Vorurteile bei Bewerbungen, soziale Segregation oder symbolische Ausgrenzung im Alltag. Integration ist keine Einbahnstraße. Sie ist ein gesellschaftlicher Vertrag. Ein Staat kann Anforderungen stellen – aber er muss zugleich faire Möglichkeiten schaffen. Eine Gesellschaft kann Anpassung erwarten – aber sie sollte lernen zu unterscheiden: Nicht zwischen „wir“ und „die anderen“, sondern zwischen Individuen.
Ich schreibe das nicht aus Bitterkeit, sondern aus dem Wunsch nach Differenzierung, denn hinter jeder Statistik steht ein Mensch. Und hinter jeder politischen Debatte stehen reale Leben. Zugehörigkeit darf kein Gnadenakt sein. Sie muss auf gleichen Rechten und gleicher Würde beruhen. Ich bin nicht weniger Teil dieses Landes, nur weil meine Geschichte woanders begonnen hat. Ich trage zwei Realitäten in mir. Zwei Sprachen. Zwei Erinnerungen. Zwei Perspektiven. Und vielleicht ist genau das kein Widerspruch – sondern eine Bereicherung. Zwischen zwei Welten zu leben heißt nicht, nirgendwo hinzugehören. Es heißt, mehr als nur eine Heimat im Herzen zu tragen.
25. Februar 2026
Gastbeiträge